„Kunst ist Lebensmittel für alle“

Erinnerung an Georg Bussmann 

Prof. Dr. Georg Bussmann ist am 18. März 2026 im Alter von 92 Jahren verstorben. Wir verdanken ihm viel. Von Anbeginn an und bis zuletzt hat er die Arbeit unseres Vereins aktiv unterstützt – mit Vorträgen und Bildergesprächen, bei Atelierbesuchen und auf Kunstreisen. Sein Eintreten für einen demokratischen Kunst- und Kulturbegriff wird für uns Vorbild bleiben.

In einem Nachruf des Frankfurter Kunstvereins, dessen Leiter er von 1970 bis 1980 gewesen ist, heißt es: 

„Mit der Ausstellung Kunst und Politik setzte Georg Bussmann zu Beginn seiner Amtszeit ein programmatisches Zeichen. Er verstand Ausstellungen als aktive Form gesellschaftlicher Auseinandersetzung und prägte den Frankfurter Kunstverein als einen Ort, an dem künstlerische Praxis und politische Fragestellungen in einen unmittelbaren Dialog traten. …

Besonders bedeutsam war die Ausstellung Kunst im 3. Reich. Dokumente ihrer Unterwerfung (1974). Sie gilt als die erste Ausstellung in der Bundesrepublik, die sich umfassend und kritisch mit der Kunstproduktion im Nationalsozialismus auseinandersetzte. …

Mit Ausstellungen wie Kunst in der Revolution (1972), Der Deutsche Adler – Funktionen eines politischen Symbols(1973), Präsentationen zu Hans Haacke, die Ausstellung Mit, neben, gegen. Beuys und seine Schule (1976/77) sowie Staeck im Kunstverein – Rückblick in Sachen Kunst und Politik (1978) wurde Bussmann zu einem zentralen Ausstellungsmacher, der die Stadt Frankfurt in eine nationale Sichtbarkeit brachte.“

Gründer der Galerie im Bunker, aus der 1983 die KunstGesellschaft hervorging, haben seinerzeit an Ausstellungen unter seiner Leitung mitgearbeitet und die zum Teil heftigen Kontroversen um sie miterlebt. So waren eine Ausstellung zum Werk von Käthe Kollwitz und die parallel dazu stattfindende über den Adler als politisches Symbol für einen Vertreter der Deutschen Bank im Beirat des Kunstvereins Anlass dafür, den Rücktritt Bussmanns zu betreiben. In einer Versammlung, an der hunderte Mitglieder des Vereins teilnahmen, wurde dies damals einhellig zurückgewiesen. 

Auch die Ausstellung zur Nazi-Kunst war hoch umstritten. Eine bundesweite Initiative wandte sich dagegen, mit dem Argument, dass die propagandistische Wirkung dieser Kunst immer noch zu gefährlich sei. Um dem etwas entgegenzusetzen wurde beschlossen, die ausgestellten Bilder und Plastiken mit vergrößerten Fotos aus der NS-Zeit zu konfrontieren, auf denen zum Beispiel Fabrikarbeiterinnen bei der Herstellung von Granaten gezeigt wurden. Die Ausstellung hatte dann 30 000 Besucher:innen und wanderte nach Basel, Wuppertal und Hamburg weiter.

Kunst in den gesellschaftlichen Kontext zu stellen war Georg Bussmanns Bestreben. Die Frankfurter Kulturdezernentin Ina Hartwig würdigt das mit den Worten: „Kunst und Politik gehörten für Georg Bussmann untrennbar zusammen. Seine Ausstellungen waren geprägt von politischem Bewusstsein und dem Wissen um den Wert der damals noch jungen Demokratie. Dafür gebührt ihm der Dank der Stadt Frankfurt.“

In einem Nachruf der Kunsthochschule Kassel, an die er im Anschluss an seine Tätigkeit in Frankfurt berufen wurde, heißt es:

„Von 1979 bis zu seiner Emeritierung 1998 lehrte Bussmann als Professor für Kunstwissenschaft an der Kunsthochschule Kassel (ehemals Gesamthochschule Kassel). Er prägte die Hochschule nachhaltig und inspirierte Generationen von Studierenden.“

Schon in seiner Zeit als Ausstellungsmacher setzte Georg Bussmann ganz stark auf den Dialog mit dem Publikum. Er verstand sich nicht als Kunsthistoriker im üblichen Sinn, wie er immer wieder  einmal betonte. Dabei zitierte er gerne den ironischen Satz des Bildhauers Jochen Gerz, dass die Kunstwissenschaft eine mehr oder weniger elegante Methode sei, sich die Kunst vom Leibe zu halten. Ihm ging es dagegen vordringlich um die Wahrnehmung von Kunst mit allen Sinnen, um eine Kunsterfahrung, über die die Betrachterinnen und Betrachter sprechen und sich austauschen können sollten.

In einem Text zu Rainer Maria Rilkes Gedicht „Archaischer Torso Apollos“ schrieb er: „Erfahrung = wörtlich: das Er-fahren einer Strecke, ist einerseits ein Allerweltswort, inflationär gebraucht, andererseits betrifft Erfahrung den zentralen Moment, wo Leben als Er-leben gespürt wird. Natürlich ist Kunstwissenschaft dafür nicht zuständig. Ihre Sache ist das Gewinnen von Distanz, ist Objektivierung, Überblick und Einordnung und darin – wenn überhaupt – die Disziplinierung von Erfahrung. Polemisch gesagt wäre die Kunst dafür jedoch nicht gemacht.“ 

Über den so notwendigen wie sinnvollen „anderen Blick“ auf das Kunstwerk hieß es da: „Normalerweise geht in der westlichen Kultur über den Blick Bemächtigung. Man orientiert sich, ordnet ein, beurteilt, nimmt in Besitz, verfügt über usw., alles über das Blicken, oder jedenfalls ist der Blick die Einleitung dazu. (Typisch, daß man beim Sehen durch das Fernglas vom ‚bewaffneten Auge‘ spricht.) Daneben gibt es eine andere Art etwas anzusehen, kein eigentlich leerer Blick, auch nicht interesselos, es scheint fast, als genüge das Öffnen der Augen und deren Ausrichtung, wie ein einfaches Hinsehen auf das, was die Dinge herzeigen.“ 

In einem Vortrag über das „Blicken“ hat Bussmann das noch weiter ausgeführt: „Wenn im Medium der Kunst die Chance besonderer Erfahrung steckt, so ist die nur zu nutzen, wenn man Kunst als Sprache erst einmal für sich vollständig begreift. Und zweitens behaupte ich, dass der Betrachter grundsätzlich mit allem ausgestattet ist, um Kunst aufzunehmen. Er hat Augen, er denkt und fühlt, er hat eine Geschichte und er hat – wie auch immer – ein Bewusstsein von sich, das ihn zu Auswahl und Entscheidung befähigt. Das sollte genug sein. Und wenn man einzelne Kunstwerke – wie man so sagt – nicht ‚versteht‘, so sind die Fragen, die da in einem aufsteigen, unendlich viel kostbarer als noch so subtile Erklärungen, die andere einem von außen (= oben) geben. Und wenn Fragen offen bleiben, und viele bleiben offen, so gehört das zum System der Kunst. Wenn es überhaupt bei Kunst um Bemächtigung geht, so wäre das immer Selbstermächtigung, alles andere ist Einschüchterung getarnt als Bildung.“ 

Das entspricht den Intentionen, mit denen wir im Herbst 1981 die Galerie im Bunker als nicht-kommerziellen Ort für die Ausstellung und Diskussion über, wie wir es damals formulierten, „realistische und politisch engagierte Kunst“ gründeten. Wir konnten dafür die Räume des Christlichen Friedensdienstes in einem Bunkergebäude in Frankfurt-Bornheim mitnutzen und verstanden uns als Teil der damaligen Bewegung gegen die „Nachrüstung“ mit atomaren Mittelstrecken-Raketen. Die erste Ausstellung dort, Picasso – zu Krieg und Frieden wurde mit einer Rede von Georg Bussmann eröffnet. 

Seitdem hat er unsere Arbeit in vielfältiger Weise unterstützt. Er hielt Vorträge zu Themen wie: „Paul Klees ‚Angelus Novus‘ und Walter Benjamins ‚Engel der Geschichte‘“; „Van Gogh und Artaud oder Künstler und Gesellschaft“; „Adolf Wölfli – ‚Ein Geisteskranker als Künstler‘“; „‘Stellvertreter‘ – Nachdenken über die Beziehung Mensch–Tier mit und entlang an Bildern“; „Blick und Erfahrung oder Ad Reinhardt im Selbstversuch“; „Narziss oder vom Funktionieren von Bildern“; „Joseph Beuys: La rivoluzione siamo Noi“. Er fuhr mit uns auf Kunstreisen nach Berlin, wo wir mit ihm befreundete Künstler besuchten. Einmal auch in die Toskana – der Besuch in der romanischen Basilika San Piero a Grada bei Pisa und unser Aufenthalt in der Villa Palagione bei Volterra wird allen, die daran teilnehmen konnten, unvergesslich bleiben. 

Georg Bussmann wurde Mitglied unseres Beirats, diskutierte mit Eduard Beaucamp, der ebenfalls Mitglied des Beirats wurde, über den „deutsch-deutschen Bilderstreit“, die westlichen Scheuklappen gegenüber der in der DDR entstandenen Kunst, und im Städel mit uns über die Skepsis gegenüber den Bildern von Anselm Kiefer.

Die von uns praktizierte Methode des Bildergesprächs als einem voraussetzungslosen, nicht-direktiv angeleiteten Gespräch über Bilder in einer Gruppe konnte Bussmann ohne weiteres akzeptieren. Gleichwohl hat er sie, wenn er mit uns Ausstellungs- und Bildergespräche machte, etwas abgewandelt. Indem er seine ganz persönliche Beziehung zu den Bildern zu Beginn offen schilderte, hat er die Teilnehmer:innen dazu angeregt, dies auch zu tun. Kunstwissenschaftliche Informationen hat er nur einfließen lassen, wenn es dem Gang des Gesprächs dienlich war, nie als Aufklärung und Belehrung durch den Fachmann.

In diesem Sinn haben wir in den letzten beiden Jahrzehnten mit ihm in der ständigen Ausstellung des Städel Gespräche über zunächst benannte, dann den Teilnehmer:innen vorher nicht bekannte Bilder geführt. Dabei wurde Georg Bussmann von seiner Frau Renate unterstützt, die ihn begleitete und die nicht ganz unbeschwerliche Anreise aus dem Wohnort im Rheinland ermöglichte. Später haben wir die Gespräche mit ihm kurzerhand ins Internet verlegt. Mit online-Veranstaltungen hatten wir in der Hochphase der Corona-Pandemie notgedrungen begonnen und dann gute Erfahrungen mit ihnen gemacht. Sie erlauben es, Bilder zur Betrachtung und Besprechung heranzuholen, an die wir sonst als Gruppe nie herankämen. Außerdem können weitere Bilder und Filmmaterial ergänzend einbezogen werden. Auch hier war die Hilfe von Renate Bussmann entscheidend, die sich auch an der Auswahl des zu Betrachtenden beteiligte.

Dass das letzte geplante Gespräch mit Georg Bussmann, das wir dann wegen seiner Erkrankung absagen mussten, einer Ikone gelten sollte, die in seiner Wohnung hängt, war kein Zufall. Er liebte Ikonen und wandte sich in den letzten Jahren immer mehr Bildern mit christlichen Themen zu, die ihn auch an seine Kindheit und Jugend, die Erfahrung und Verbundenheit mit der katholischen Kirche erinnerten. Dabei insistierte er aber nie bei den von ihm ausgewählten Motiven auf einer Deutung, die der beabsichtigten „Glaubenswahrheit“ entsprach, sondern ließ andere, quasi „säkulare“ oder gegen den Strich gehende Deutungen zu.

Dazu ein Zitat aus seinem Text „Narziss – von persönlicher und kollektiver Kunsterfahrung“:

„Wie geht man in Nach-Aufklärungszeiten damit (mit religiösen Bildern und ihren Botschaften) um? ‚Historisch‘ hätte mein Lehrer gesagt und hinzugefügt, dass das alles heute eigentlich nicht mehr zu verstehen sei, weil es Vergangenheit ist. Das ginge zusammen mit der Feststellung von Freud und Jung, die die Religion aufklärerisch als illusionär einschätzen. Dem widerspreche ich nicht. Warum aber lebt das Religiöse in der Kunst, der Musik, der Literatur usw. weiter, wenn es sich doch da anscheinend um einen Irrtum handelt? Wegen der ästhetischen Werte, wegen der Kunst, als Zeugnis der Geschichte, sagt man. Wenn ich mich von diesen Bildern getroffen fühle, liegt das durchaus an deren Ästhetik, die ich jedoch nicht als Wert an sich verstehe, sondern in der Ästhetik gewinnt etwas Präsenz, das ich die Energie des Wünschens nenne, die aller religiöser Kunst zugrunde liegt und die dieser Kunst eine Unmittelbarkeit verleiht, die wie selbstverständlich die Zeiten überspringt. Dann fällt die im Bild aufgerufene Zeit, die Zeit, in der das Bild entstand, und schließlich die Gegenwart, in der es angeschaut wird, in eins zusammen, als würde man für einen Moment aus der ‚normalen‘, der verfließenden Zeit heraustreten.“

„Und immer wäre Mittel und Voraussetzung dazu“, heißt es in Bussmanns Text über das „Blicken“, „der nicht vorbestimmte, offene Blick, der die persönliche Erfahrung eröffnete, in der das Bildwerk dem einzelnen Betrachter sozusagen als ‚lebendig‘, d. h. wie von sich aus ‚lebend‘ erschiene.“

„Offenheit und Angstfreiheit im Umgehen mit Kunst“ war, wie er schrieb, für Georg Bussmann das Ziel – und das sollte es für uns auch sein. Kunst hat er als „Lebensmittel“ für alle betrachtet, nicht als Kulturgut für wenige. Diesem demokratischen Anspruch fühlen wir uns im Gedenken an ihn verpflichtet.

Reiner Diederich
für den Vorstand der KunstGesellschaft